Article Cover Photo for The BossHoss @ Neuenburg 2026 Review

The BossHoss @ Rhein Feier Festival, Neuenburg 2026

Event 21. August 2026

Zweierlei war für den ersten Abend des Rhein Feier Festivals in den Rheingärten von Neuenburg angekündigt: der erste Regen seit Wochen in diesem Extremsommer und die Cowboys von The BossHoss. Auf den Regen hatte jeder gehofft, nur nicht an diesem Abend. Immerhin versprach der Wetterbericht lediglich leichte Schauer.

Davon unbeeindruckt machten sich am Nachmittag einige Tausend gut gelaunte Besucher auf den Weg zum Festivalgelände, viele von ihnen mit Cowboystiefeln, Hüten und Westen. Vor Ort sorgten zahlreiche freiwillige Helfer bereits früh für einen reibungslosen Ablauf.

Eröffnet wurde der Abend von Jamie Clarke’s Perfect, einer internationalen Folk-Punk-Band, die 1997 in Deutschland von dem ehemaligen The Pogues-Gitarristen und -Sänger Jamie Clarke und dem Banjospieler Pierre Lavendel gegründet wurde. Ihnen folgte die Freiburger Band The Human Touch. Die sechsköpfige Classic-Rock-Coverband feiert im Jahr 2026 ihr 30-jähriges Bühnenjubiläum. Das ist eine beeindruckende Zeitspanne, und man merkt die langjährige Erfahrung dem Zusammenspiel der Musiker deutlich an. Die Band präsentierte sich bestens eingespielt und stimmte das Publikum mit viel Leidenschaft auf den bevorstehenden Konzertabend ein. Ihr Repertoire beinhaltete Klassiker von Abba bis ZZ Top. Als ihr Auftritt gegen 19:30 Uhr endete, forderte das Publikum lautstark eine Zugabe. Diesem Wunsch kam die Band gerne nach, bevor sie sich unter großem Applaus von der Bühne verabschiedete.

Die angekündigten leichten Schauer waren mittlerweile zu einem heftigen Starkregen herangewachsen. Trotzdem blieb die Moral im Publikum ungebrochen. Jeder schützte sich, so gut es ging, mit Schirmen und Ponchos. Wer einen Cowboyhut aus Leder trug, hatte plötzlich einen nicht zu unterschätzenden Vorteil.

Und dann kamen The BossHoss auf die Bühne. Mit ihrer „Back to the Boots“-Tour präsentierte die Band das gleichnamige, 2025 erschienene Album. Gleichzeitig feierten sie ihr 20-jähriges Bandjubiläum. Und es ist eine stattliche Anzahl von Musikern, die mit Alec Völkel und Sascha Vollmer die Bühne betreten: Neben der siebenköpfigen Kernbesetzung mit Schlagzeug, Percussion, Bass, Mandoline und Gitarre ist auch der dreiköpfige Bläsersatz The Tijuana Wonderbrass dabei, der die Band bereits seit 2010 auf ihren Tourneen begleitet.

Alec und Sascha sahen sich einer komplett durchnässten Menschenmenge gegenüber und versuchten mit Humor und Frotzeleien, die Stimmung hochzuhalten. Überhaupt zeigten sie sich sehr kommunikativ, sprachen über sich selbst und suchten immer wieder den Dialog mit dem Publikum. So weit im Süden hätten sie noch nie gespielt, erzählten sie. Natürlich nur deshalb, weil sie hier bisher noch nie gebucht worden seien.

Er käme auch aus Baden-Württemberg, bemerkte Sascha, allerdings aus dem Schwäbischen. Dafür erntete er einige spasshafte Buhrufe, die er mit Hinweis auf den Regen so kommentierte, «der Herr wird euch weiter strafen».

Die Band hatte sichtbar Freude an dem Auftritt. Musikalisch spielten sie wie aus einem Guss auf, und jeder Musiker bekam seinen «moment to shine». Gerade die Bläser in immer wechselnden Outfits standen regelmässig im Mittelpunkt und trugen viel zum Tex-Mex-Feeling der Show bei.

Bei der Songauswahl gab es ein gutes Gemisch aus Klassikern, vielen Stücken von «Back to the Boots» und einigen gecoverten Songs. Die Show startete mit dem Willie-Nelson-Cover «On the Road Again», gefolgt von «Lions Den» und «Do It». Danach gab es mit dem gelungenen OutKast-Cover «Hey Ya!» einen ersten Höhepunkt. The BossHoss animierten das Publikum energisch und erfolgreich zum Mitsingen.

Wer die durchnässte, begeisterte Menge sah, die im strömenden Regen jeden Song mitfeierte, konnte manche negative Kritik an The BossHoss kaum nachvollziehen. Bleibt die Frage: Sind sie überhaupt eine echte Country-Rock-Band?

Das hängt ganz davon ab, wie man echt definiert. Natürlich fehlt einer deutschen Band die Sozialisierung, die mit dem Aufwachsen in den USA und der damit verbundenen kulturellen Prägung einhergeht. Folgte man dieser Logik konsequent, dürfte es allerdings auch keine europäischen Bluesbands geben. Und wer kürzlich Dan Mudd feat. bearbeat im Z7 gesehen hat, weiss, was wir dann alles verpassen würden.

Und die Stetsons, die Westen und Hemden? Sollte man eine Band wegen ihrer Kleidung nicht ernst nehmen, und sie in der Kostüm- und Karnevalsecke stellen? Meiner Meinung nach keinesfalls. Vor allem, weil sie eine handwerklich ausgezeichnete Musik machen, die ein grosses Publikum findet. Und weil sie auf der Bühne absolut echt wirken.

Diese Musik muss man nicht mögen. Tut man das nicht, sollte das aus musikalischen Gründen der Fall sein und nicht, weil einem das Outfit der Band missfällt.

Doch zurück zum Konzertgeschehen. Es ist eine Sache, ein völlig durchnässtes Publikum von der Bühne aus zu ermuntern. Alec und Sascha beließen es jedoch nicht dabei. Nach einem Ausflug in die Menge erklommen die beiden eine kleine Bühne im Front-of-Stage-Bereich und spielten dort ein Akustik-Set. Dabei entstand eine wunderschöne, intime Atmosphäre. Genauso nass wie ihre Fans kehrten sie anschließend auf die Hauptbühne zurück, wo die Band sie bereits erwartete.

Das Konzert ging weiter, die Energie nahm ebenso wie der Regen zu. «Burn Baby Burn» war erkennbar ein Lieblingssong der Gäste in Neuenburg.

Zu Dolly Partons grossartigen «Jolene» hatte man sich zur Verstärkung die Schweizer Sängerin Chiara Castelli herangezogen. Gegen die Harmonie des grossartigen Duos «The Common Linnets» anzutreten, ist mutig, und Chiara schaffte das mit grosser Natürlichkeit an der Seite der beiden Frontmänner.

Mit ihren grössten Hits «Don’t Gimme That» und «Dos Bros» fand das Konzert offiziell sein fulminantes Ende. Aber natürlich folgte auch die lauthals geforderte Zugabe. Nach «Stallion Battalion» und «German Angst» beendeten The BossHoss einen sehr schönen Abend um 22:30 mit einer Extended Version von Cameos «Word Up».

Den Veranstaltern des zweiten Rhein Feier Festivals, Stefan Weisser, Jörg Steck und Achim Herr, muss man ein grosses Kompliment machen. Solche kulturellen Veranstaltungen hatte Neuenburg bislang nicht zu bieten. Wir blicken gespannt auf das kommende Jahr.

Ähnliche Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert