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Suzy Quatro, Alice Cooper & The Scorpions @ Pinot & Rock Festival, Breisach 2024

Event 6. Juli 2024

Als ich die Karte für diesen Abend des Pinot and Rock Festivals kaufte, tat ich das vor allem, um endlich die Scorpions live zu sehen. Natürlich freute ich mich auch auf Suzi Quatro und Alice Cooper. Suzi Quatro, ganz in Leder und mit ihrem riesengrossen Bass, war für mich als junger Mensch, der gerade begonnen hatte, sich für Musik zu interessieren, wie ein Wesen aus einer anderen Dimension. «48 Crash» einmal live zu hören, hätte ich nie erwartet. Und Alice Coopers «Poison» ist eines meiner Lieblingslieder. Auf beide Acts war ich neugierig. Dass sie mich an diesem Abend derart begeistern würden, hätte ich allerdings nicht erwartet.

Pinot und Rock ist ein neues Festival. Im Fritz-Schanno-Park in Breisach hat es den grossen Anspruch, vom 4. Juli bis zum 7. Juli Live-Auftritte großer Rock- und Popstars mit hochwertiger Kulinarik und regionaler Weinkunst zu verbinden. Das Line-up besteht aus nationalen und internationalen Grössen.

Am vergangenen Donnerstag eröffnete das Festival mit einem Tag ganz im Zeichen von Hip-Hop, Pop & Urban Vibes. An diesem Tag spielten Alli Neumann, Bahar, Black Sea Dahu und Paula Dalla Corte. Den Schlusspunkt des ersten Festivalabends setzte Headliner und Publikumsmagnet Peter Fox.

Der Folgetag konzentrierte sich auf das Thema Deutschrap & Indie-Pop. Das Gelände am Rheinufer verwandelte sich in eine riesige Tanzfläche. Neben den Headlinern Die Fantastischen Vier, die für ausgelassene Stimmung sorgten, traten am Freitag Milky Chance, Aisha Vibes, NESS und Schorl3 auf.

Dem gestrigen Samstag widmet sich dieser Bericht im Detail.

Am heutigen Sonntag, dem 7. Juli, endet das Festival mit einem großen Pop-Finale. Neben der Headlinerin Sarah Connor gestalten Nico Santos, Joris, Rosaly, Sarah Bugar und Zartmann den Abschluss des viertägigen Events.

Auch beim gastronomischen Angebot geht Pinot und Rock eigene Wege. Statt der auf vielen Festivals üblichen Fast-Food-Stände setzt man auf eine Streetfood-Meile mit regionalen, vegetarischen und asiatischen Spezialitäten. Ergänzt wird das Angebot durch ein Weindorf mit Weinen und Sekten badischer Weingüter sowie eine Premium-Welt mit Fine Dining unter Beteiligung mehrerer Sterneköche, die von Besuchern mit einem VIP-Ticket genutzt werden kann.

Suzy Quatro

Suzi Quatro eröffnete ihre Show mit «The Wild One» von ihrem zweiten Album «Quatro». Dass sie dafür einen ihrer wilden Songs aus der Frühzeit ihrer Karriere gewählt hatte, war kein Zufall. Mit einer Bühnenpräsenz, die mich stellenweise an Tina Turner erinnerte, hatte sie ihre Band und das Publikum vom ersten Moment an im Griff. Die Frage, ob Suzi Quatro nach über 50 Jahren noch relevant ist, beantwortete sich sofort von selbst. Da stand niemand auf der Bühne, der versuchte, vergangene Erfolge noch einmal aufzuwärmen. Da stand vielmehr eine beeindruckend gereifte Frau, die Musik noch genauso lebte wie in ihrer Jugend, heute aber auf die Gelassenheit und Erfahrung von 74 Lebensjahren zurückgreifen konnte.

Wie das Konzert begonnen hatte, entwickelte es sich auch weiter. Mit drei weiteren Rockstücken aus den frühen 70er Jahren heizte sie dem Publikum ordentlich ein. Das war auch nötig, denn inzwischen hatte Regen eingesetzt, der uns bis zum Ende des Abends nicht mehr verlassen sollte.

Mit einem Augenzwinkern kündigte sie «Stumblin‘ In» an, ihre Powerballade mit Smokie’s Chris Norman aus dem Jahr 1978. Der Song war im Vorjahr vom australischen DJ Cyrill neu interpretiert worden. Das zeigt einmal mehr, wie sehr die Musik der 70er- und 80er-Jahre bis heute nachwirkt. Suzi meinte, sie empfinde das als schönes Kompliment, man werde sich an diesem Abend allerdings an das Original halten. Dieses musste zwar ohne Chris Norman auskommen, sorgte aber dennoch für einen ersten Gänsehautmoment.

Und schon folgte «48 Crash». Und ich war inzwischen längst im Hier und Jetzt angekommen. Kein Gedanke mehr daran, hier lediglich alte Hits serviert zu bekommen. «48 Crash» rockte wie eh und je, nur besser, weil live und in Echt.

In diesem Stil ging es weiter. «Can the Can» durfte natürlich nicht fehlen, und CCR wären mit der Interpretation von «Bad Moon Rising» sicher sehr zufrieden gewesen. Die vehement geforderte Zugabe war erstaunlicherweise eine fantastische Version des Eagles-Klassikers «Desperado».

Suzi Quatro liess ein ausserordentlich glückliches Publikum zurück, das bestens auf den weiteren Abend vorbereitet war. Sie hatte eindrücklich gezeigt, dass eine gute Musikerin auch nach über 50 Jahren auf der Bühne weder alt noch obsolet wirkt. Und dass gute Songs nichts von ihrer Relevanz verlieren, solange sie von ihren Urhebern mit Leben gefüllt werden.

In der folgenden Pause wurde die Bühne für Alice Cooper umgebaut, während ich die Gastro Premium Welt besuchte. Das war ein ausgesprochen leckeres Erlebnis, wie ich es in dieser Form noch nie auf einem Konzert erlebt hatte. An den verschiedensten Ständen bekam man nach erfreulich kurzen Wartezeiten sehr leckere Kleinigkeiten. Von Pasta über Fleisch- und Fischgerichte bis hin zu vegetarischen Speisen war für jeden Geschmack etwas dabei.

Wieder vor der Bühne fragte ich mich, ob sich die positive Überraschung des gerade gesehenen Konzerts wiederholen würde. Als Alice Cooper und seine Band die Bühne betraten, war das erst mal ein Hingucker. Alle Musiker traten im typischen Schockrocker-Outfit auf. Und wenn drei Gitarristen gemeinsam auflaufen, ist das schon mal sehr vielversprechend. Neben Ryan Roxie und Tommy Henriksen stach vor allem Nita Strauss heraus. Zum Line-up gehörten ausserdem Chuck Garric am Bass und Glen Sobel am Schlagzeug. Und auch Alices Tochter Calico Cooper war dabei, die ihren Vater auf dieser Tour als Tänzerin und Performance-Künstlerin begleitete.

Alice Cooper

Erwartungsgemäss ging es deutlich härter zur Sache als bei Suzi Quatro. Mit «Lock Me Up», «Welcome to the Show» und «No More Mr. Nice Guy» startete die Show. Die Musiker waren vom ersten Moment an in ihrem Element. Kleidung und Schminke verpflichten. Entweder man repräsentiert das überzeugend, oder es wird schnell peinlich. Doch wer für neun Shows in Las Vegas gebucht wird, beherrscht sein Handwerk. Das war Rockmusik vom Feinsten und dazu ungemein unterhaltsam. Jedes Mitglied der Band rückte immer wieder ins Zentrum des Geschehens, während Alice als Grossmeister des Spektakels Hof hielt.

Nitas Art, Gitarre zu spielen, unterschied sich deutlich von der ihrer beiden Bandkollegen. Während die Männer mit kraftvollen Riffs das Fundament legten, brillierte Nita mit fingerfertiger Soloakrobatik. Zusammen war das Gitarrenrock, wie man ihn sich kaum perfekter wünschen könnte.

Calico verfügt über dasselbe Bühnentalent wie ihr Vater, und es machte grossen Spass, ihr zuzusehen. Musikalisch konzentrierte sich die Setlist vor allem auf die Hochphase von Alice Cooper in den 70er- und 80er-Jahren. «Poison» und «Black Widow» wurden ausserordentlich gut und modern interpretiert, das Publikum dankte es mit wahren Begeisterungsstürmen. Und natürlich kam gegen Ende der Show auch die Guillotine zum Einsatz.

Natürlich musste es eine Zugabe geben. Und natürlich war es «School’s Out».

Es ist schon faszinierend, wie jemand, der einen Schockrocker so überzeugend auf die Bühne bringt, gleichzeitig so symphytisch wirken kann. Und auch diese Musik war keine Reminiszenz an alte Tage, sondern ein modernes Rockkonzert mit allem, was man sich wünschen kann: fantastische Songs, hochgradige musikalische Qualität und eine überaus unterhaltsame Live-Performance. Schon wieder hatte ich viel mehr bekommen, als ich erwartet hatte. Beide Acts würde ich, ohne zu zögern als Hauptact besuchen.

Während die Bühne für die Scorpions umgebaut wurde und ich mich noch einmal an den Delikatessen der Gastro Premium Welt erfreute, beschlich mich ein etwas beklemmendes Gefühl. Erst hatte mich Suzi Quatro richtig begeistert. Anschliessend hatte Alice Cooper noch einmal nachgelegt. Würden die Scorpions diesem hohen Niveau gerecht werden können?

Scorpions

Wir standen vor der dunklen Bühne und warteten. Auf einmal begann Rudolf Schenker, die Akkorde von «Coming Home» spielen, und man hörte Klaus Meine singen. Langsam betrat er und der Rest der Band die Bühne.

Es gibt diese Konzertmomente, bei denen sich die Haare aufstellen und es einem die Kehle zuschnürt. Dieses war so ein Moment. Und eines war schon in dieser Sekunde klar: Das würde keine Enttäuschung werden.

Auch die Scorpions sind in Las Vegas keine Unbekannten. Sowohl 2022 als auch 2024 absolvierten sie dort jeweils eine Residency mit neun Konzerten. Sie sind die deutsche Rockband, die sich in aller Welt mit ihren Alben und Auftritten höchsten Respekt erspielt haben. Nur in ihrem Heimatland hatte es überdurchschnittlich lange gedauert, bis sie dieselbe Anerkennung erfuhren

Wer wie Klaus Meine und Rudolf Schenker bereits 55 Jahre zusammenspielt, entwickelt ein blindes Verständnis füreinander. Auch Gitarrist Matthias Jabs ist seit den 70er-Jahren dabei. Paweł Mąciwoda am Bass und Schlagzeuger Mikkey Dee, ehemals bei Motörhead, sind 2003 beziehungsweise 2016 dazugestossen.

Diese Vertrautheit merkt man der Band an. Wie schon bei den beiden Shows zuvor kommt keinen Moment das Gefühl auf, hier würden alternde Rockstars ihre Jugend noch einmal auferstehen lassen. Dafür sind diese Musiker viel zu lebendig, aktiv, mit Leidenschaft bei der Sache und schlicht zu gut. Und dafür haben die Stücke einfach viel zu viel Klasse. Das ist keine Musik von gestern, auch wenn die Charts heute mehrheitlich von anderen Stilen beherrscht werden. Jeder Klassikfan könnte über die Behauptung, 50 Jahre alte Musik sei von gestern und habe ihre Relevanz verloren, vermutlich nur amüsiert schmunzeln.

Natürlich enttäuschten die Scorpions ihre Fans nicht, und es gab viele Stücke aus den legendären Alben «Animal Magnetism», «Lovedrive» und «Love at First Sting». Aber eben auch neuere Songs wie «Gas in the Tank» von ihrem 2022 erschienenen Album «Rock Believer». Von zwischen Hard Rock und Heavy Metal angesiedelten Stücken wie «Make It Real» und «Blackout» bis hin zu wunderschönen Balladen wie «Send Me an Angel» oder «Wind of Change» war alles vertreten.

Und die Scorpions haben sich nie gescheut, Position zu beziehen. «Wind of Change», für viele der Soundtrack der deutschen Wiedervereinigung, war zugleich eine Botschaft an eine damals möglich erscheinende neue Weltordnung. Inspiriert wurde der Song von den Eindrücken, die die Band beim Moscow Music Peace Festival am 12. und 13. August 1989 gesammelt hatte. Seit 2022 heisst es auf der Bühne jedoch nicht mehr «I follow the Moskva / Down to Gorky Park / Listening to the wind of change», sondern «Now listen to my heart / It says Ukraine, waiting for the wind to change».

Das epische Pfeif-Intro kam Klaus jedenfalls immer noch mühelos über die Lippen. Und sein Gesang? Von einem 76-Jährigen dieselbe Stimme zu erwarten wie von einem 30-Jährigen, ist eine absurde Vorstellung. Die vielen Kommentare, die älteren Sängerinnen und Sängern genau das vorwerfen, sind meines Erachtens unsinnig. Klaus sang seine Songs hervorragend. Und ganz ehrlich: Einen anderen Sänger für diese Stücke hätte ich mir nicht gewünscht.

Trotz mittlerweile sintflutartiger Regenfälle, die der Veranstalter mit immer neuen Lagen Holzschnitzeln in den Griff zu bekommen versuchte, war die Stimmung auf dem Höhepunkt, als die Scorpions das Konzert offiziell mit «Big City Nights» beendeten. Und natürlich liessen sie eine lautstark geforderte Zugabe folgen. Mit «Still Loving You» und «Rock You Like a Hurricane» endete dieser Festivaltag mit zwei absoluten Klassikern der Rockmusik. Nicht alle Feuchtigkeit in den Gesichtern der Zuschauer kam nur vom Regen.

Pinot and Rock hat zweifellos ein grossartiges Festival geschaffen. Eine exquisite Auswahl an Bands, gepaart mit einem kulinarischen Angebot direkt am Rhein vor grossartiger Kulisse. Davon würde ich nächstes Jahr sehr gerne eine Neuauflage sehen. Wenn ich einen Wunsch äussern dürfte: etwas trockener wäre auch nicht schlecht.

Setlist von Alice Cooper
Setlist von Scorpions

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