Bericht Header Foto: Die Bühne des Toten Hosen Konzerts @ Neue Messe Freiburg, 25. Juli 2026

Die Toten Hosen @ Neue Messe Freiburg 2026

Event 25. Juli 2026

„Wie viele Besucher sind eigentlich schon drin?“, fragte ich die Security bei der Eingangskontrolle. „Etwas mehr als 42’000“, lautete die Antwort.

Das war noch Stunden vor dem Auftritt der Toten Hosen.

Schon in diesem Moment war klar, dass ich dieses Konzert nicht in der Nähe der Bühne erleben würde.

Einlass war um 15:00, drei Vorbands – Sondaschule, Pascow, The Dead End Kids  – bereiteten das Publikum ab 17:30 auf die Hosen vor. Je näher der Konzertbeginn rückte, desto mehr Menschen strömten auf das Gelände der Messe Freiburg. Als die Toten Hosen schliesslich um 20:30 die Bühne betraten, war das Gelände mit mehr als 53’000 Besuchern bis auf den letzten Platz gefüllt.

Beeindruckend war nicht nur die Anzahl der Menschen, sondern auch deren Zusammensetzung. Alte Punks standen neben Familien mit kleinen Kindern. Rocker machten höflich Platz für ältere Damen, die vermutlich schon seit Jahrzehnten zu den Konzerten der Band pilgern. Betrachtet man das Publikum genauer, sieht man, dass Die Toten Hosen inzwischen viel mehr sind als eine Punkband. Wenige deutsche Bands schaffen es, Menschen aus so vielen Generationen mit so unterschiedlichen Hintergründen so selbstverständlich zusammenzubringen. Die Hosen sind zu einer deutschen Institution geworden, vergleichbar mit Udo Lindenberg und BAP.

Bemerkenswert auch die Regelung, auf welche Die Toten Hosen seit Jahren Wert legen. Während bei vielen grossen Konzerten für den Bereich direkt vor der Bühne teure Front-of-Stage-Tickets verkauft werden, gilt bei den Hosen ein anderes Prinzip: Wer früh genug auf das Gelände kommt, erhält ein entsprechendes Bändchen und darf in den abgesperrten Bereich vor der Bühne. Sobald die Kapazität erreicht ist, werden keine weiteren Bändchen ausgegeben. Nicht der Geldbeutel entscheidet also über die Nähe zur Band, sondern allein der Zeitpunkt der Ankunft. In Zeiten immer exklusiverer Konzertangebote wirkt dieses Konzept angenehm demokratisch und passt hervorragend zur Philosophie der Band.

Die Tournee „Trink aus, wir müssen gehen!“ begleitet das gleichnamige letzte Studioalbum der Band und ist möglicherweise die Good-bye Tour der Toten Hosen. Nach mehr als vier Jahrzehnten könnte sich ein weiterer ganz Grosser der Musikszene in den Ruhestand verabschieden.

Doch was Campino und seine Mitstreiter auf der Bühne boten, liess keinen Gedanken an Rentner aufkommen. Bestens gelaunt, mit grossartiger Stimme genau auf den Punkt, präsentierte die Band Song nach Song aus ihrem reichhaltigen Repertoire. 35 Stücke sollten es am Ende werden, wenn man auch das Intro und das legendäre Outro „Ich liebe das Leben“ von Vicky Leandros mitrechnet. Heraus kam ein wahres Mammutkonzert.

Von den ersten Takten von „Opel-Gang“ bis zur letzten Zugabe ließ die Energie auf der Bühne nie nach. Campino wirkte, als wolle er jede Minute dieses Abends auskosten, und das übertrug sich natürlich auf das Publikum. Vermutlich haben sich einige Fans der ersten Stunde mehr Songs aus der wilden Anfangszeit der Hosen gewünscht. Das Programm liess trotzdem keine Wünsche offen. Denn die Setlist war eben keine Aneinanderreihung der großen Radio Hits. Klassiker wie „Hier kommt Alex“, „Alles aus Liebe“, „Zehn kleine Jägermeister“ oder „Tage wie diese“ wechselten ab mit neueren Titeln und selten gespielten Songs. Dass mit „Ein guter Tag zum Fliegen“ und „Strom“ sogar zwei Tourdebüts ihren Weg ins Programm fanden, zeigte, wie viel Mühe sich die Band gibt, ihre Fans immer wieder zu überraschen.

Für Die Toten Hosen ist Freiburg kein unbekanntes Pflaster. Bereits zum 16. Mal waren sie hier zu Gast. Entsprechend häufig blickte Campino während des Abends auf frühere Besuche zurück und machte deutlich, dass Freiburg für die Band ein spezieller Ort ist.

Besonders für Gelächter sorgte eine Geschichte aus den Anfangsjahren, die sich im Freiburger Crash abgespielt hat. Obwohl noch offiziell geschlossen, war der Besitzer zufällig bereits vor Ort. Die Toten Hosen kannte er zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Er liess sie trotzdem herein, woraufhin ihm eines der Bandmitglieder zunächst vor die Bar kotzte, um anschliessend einen Gin Tonic zu bestellen. Aus dieser eher ungewöhnlichen ersten Begegnung entwickelte sich eine freundschaftliche Verbindung zwischen der Band und dem Crash. 1983 und 1986 spielten die Hosen dort, damals noch vor kleinem Publikum.

So beeindruckend die Band auf der Bühne funktionierte, so chaotisch verlief die Organisation ausserhalb davon. In all den Jahren, in denen ich Konzerte besucht habe, habe ich selten eine Veranstaltung erlebt, die ihren Gästen so viel zumutete.

Wer ein Getränk kaufen wollte, musste sehr viel Geduld mitbringen. Eine Wartezeit von deutlich mehr als einer Stunde durfte ich selbst erleben. An deren Ende stand allerdings nicht das erhoffte Bier, sondern eine Riesenenttäuschung. Denn die Kartenzahlung war zwischenzeitlich ausgefallen und ohne Bargeld gab es nichts. Übrigens musste niemand Durst leiden, denn es waren kostenlose Wasserspender auf dem Gelände verteilt – grossartig bei dieser Hitze.

Doch was vermutlich bei den meisten anderen Veranstaltungen zu Aggression und Stress geführt hätte, wurde vom Hosen-Publikum ganz anders aufgenommen. Natürlich ärgerte sich jeder über die Zustände. Trotzdem stand man gemeinsam friedlich an, und lernte seine Leidensgenossen mit der Zeit ziemlich intensiv kennen. Mein Nachbar zur Rechten war bereits auf seinem 29. Konzert der Toten Hosen und zeigte mir stolz die Fotografie seines ersten Konzerttickets von 1983. Sein Sohn war selbstverständlich auch mit dabei.

Diese Mischung aus jahrzehntelanger Verbundenheit, Erinnerungen und neuen Geschichten zog sich wie ein roter Faden durch das Konzert.

Bei aller Klasse auf der Bühne hat es zwischendrin auch dort mal kurz gemenschelt. Bei „Was ist mit uns los“ stolperte Campino kurz über den Text und ärgerte sich ein wenig über sich selbst. Bei „Alle sagen das“ musste die Band nochmals neu ansetzen. Aber genau solche Momente zeigen, dass dies ein Live-Konzert einer Band ist und keine bis ins letzte Detail durchinszenierte Show.

Zu den besonderen Momenten des Abends gehörte der Auftritt von Frankie Bartelt. Der inzwischen 83-jährige Emmendinger Sänger der Band The Yankees kam für den Song „Halbstark“ gemeinsam mit Campino auf die Bühne und wurde vom Publikum begeistert empfangen.

Die Geschichte hinter diesem Auftritt reichte weit zurück. 1966 traten die Yankees mit „Halbstark“ in der ersten Ausgabe des Beat Clubs auf und erreichten kurze Zeit einen Kultstatus. Mehr als ein halbes Jahrhundert später stand Frankie nun vor über 53’000 Menschen auf einer Bühne der Toten Hosen. Frankie war bestens gelaunt, wenn er auch manchmal etwas überwältigt wirkte, was angesichts der Menschenmenge vor ihm mehr als verständlich war. Bevor die ersten Töne erklangen, forderte er augenzwinkernd alle Besucher seines Jahrgangs auf, ihre Rollatoren in die Luft zu heben. Es waren genau diese Momente, die den Abend besonders machten.

Doch natürlich war es vor allem ein Abend der Hosen. Wenn 52’000 Menschen gemeinsam mit einer Band singen, gibt das Gänsehautmomente. Davon hatten die Besucher reichlich, und mehr als eine Träne konnte man auf den Leinwänden sehen, wenn die Kamera das Publikum eingefangen hat. Zurück bleibt einerseits das Gefühl, in der Vergangenheit einen grossen Fehler begangen zu haben. 15 Mal habe ich diese Band in dem mir nahen Freiburg nicht gesehen. Wichtiger aber ist, dass ich diesen Abend in vollen Zügen – auch ohne Bier – geniessen durfte.

Setlist von Die Toten Hosen

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Ein Kommentar

  1. Wunderbar, man hat beim Lesen das Gefühl im Getümmel dabei zu sein. Und wie ärgerlich, wenn die Technik einem den Durstlöscher versagt. Weiter so:)
    Thomas aus München

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